"Der Mensch liebt Jubiläen"

 

Gedanken zu 225 Jahre Klein Scharrel

von Dr. Albrecht Eckhardt,

ehemaliger Leiter des Niedersächsischen Staatsarchivs in Oldenburg,

7. September 2019

 

Der Mensch liebt Jubiläen: runde Geburtstage, hölzerne, silberne, goldene Hochzeiten, Arbeitsjubiläen usf. usf. Das gibt den Anlass, mit Verwandten, Freunden, Kollegen ein gemeinsames Fest zu feiern oder auch durch eine Anzeige in der Zeitung die Leser darüber zu informieren. Aber auch im öffentlich-politisch-kulturellen Leben gibt es viele Jubiläen, Gedenktage und -jahre. So begehen bzw. begingen wir in diesen Jahr 2019 150 Jahre Stadt Wilhelmshaven, 100 Jahre Kurbad Bad Zwischenahn, 80 Jahre Beginn des Zweiten Weltkriegs, 75 Jahre Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944, 70 Jahre Gründung der Bundesrepublik Deutschland und Verabschiedung des Grundgesetzes, 30 Jahre Fall der Berliner Mauer. Ein halbes Jahrhundert ist es auch schon her, dass der erste Mensch den Mond betrat. Auch Vereine sind stolz auf ihr rundes Alter, wie jetzt z.B. der Schützenverein Klein Scharrel, der heute genau vor 100 Jahren (am 7. September 1919) als „Schießverein Klein Scharre!" ins Leben gerufen wurde.

Besonders beliebt sind Ortsjubiläen, bei denen man an die Gründung und zumindest die erste schriftliche Erwähnung eines Dorfes, einer Gemeinde oder Stadt erinnert und mit der Bevölkerung ein Fest feiert. Ein solches Ereignis stärkt das Wir-Gefühl, die Gemeinschaft der Bevölkerung in einer Ortschaft ungemein - und das sogar noch im Zeitalter des Internets, von Facebook, lnstagram, Youtube oder Whatsapp. Auf Vorschlag des Ortsvereins haben die Straßengemeinschaften Motive aufgestellt, die den Namen versinnbildlichen und erklären. Es ist ein voller Erfolg geworden! Überall wurden unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, auch der Neubürger, tolle Ideen verwirklicht.

Das Alter eines Ortsjubilars sollte zumindest durch 25 teilbar sein, wie eben auch bei Klein Scharret. Es gibt aber auch kuriose Ausnahmen wie etwa 888 Jahre Westerstede vor Jahren, wobei auch noch diese Zahl sehr umstritten ist.

Apropos umstritten: Nicht selten wird groß gefeiert, obwohl irgendjemand herausgefunden hat, dass das Bezugsdatum gar nicht stimmt oder viel zu ungenau ist - nämlich dann, wenn nur ein größerer Zeitraum von möglicherweise mehreren Jahrzehnten in Frage kommt. Nicht auf ein bestimmtes Jahr festlegen lässt sich zum Beispiel die Ersterwähnung von Edewecht selbst, aber auch von Oster- und Westerscheps oder Jeddeloh I. Gesichert ist nur, dass diese Ortschaften bereits im Mittelalter entstanden. Älter als Klein Scharre! sind in der Gemeinde Edewecht außerdem noch Portsloge und vielleicht Wittenberge, alle anderen, Jeddeloh II, Friedrichsfehn, Kleefeld, Husbäke und Süddorf, entstanden erheblich später. Klein Scharre! hat gegenüber vielen anderen Orten den Vorteil, dass sich die Entstehung der späteren Ortschaft und Bauerschaft in einem bestimmten Jahr durch schriftliche Zeugnisse genau belegen lässt.

Als ich vor über vier Jahrzehnten mit meiner Familie nach Klein Scharre! zog, musste ich mir immer wieder von meinen Kollegen am Staatsarchiv Oldenburg die spöttische Frage anhören: ,,Wie kann man denn in so einen geschichtslosen Ort mitten im Moor ziehen." Das weckte nicht nur meinen Widerspruch, denn wir fühlten uns schnell in unserer neuen Umgebung und Nachbarschaft sehr wohl, sondern spornte auch meinen Ehrgeiz als Historiker an, die Geschichte meines neuen Wohnorts zu erforschen. Und so stieß ich schließlich auf das Jahr 1794, was die Grundlage für die 200-Jahrfeier 1994 und die heutige 225-Jahrfeier bilden sollte.

Fragen wir uns einmal, was im Jahr 1794 passierte, was von Bedeutung war. Die Französische Revolution ging in ihr fünftes Jahr und mit der Hinrichtung von Robbespierre war die Schreckensherrschaft der Jakobiner zu Ende. In Europa tobte der 1. Revolutionskrieg. In Preußen, wozu damals auch Ostfriesland gehörte, regierte Friedrichs des Großen Sohn Friedrich Wilhelm II. Römischer Kaiser in Wien war Franz II., Maria Theresias Enkel. Im Herzogtum Oldenburg mit dem Kirchspiel Edewecht amtierte Herzog Peter Friedrich Ludwig, dessen Standbild noch heute auf dem Schlossplatz in Oldenburg steht.

1794 feierte Johann Wolfgang von Goethe seinen 39. Geburtstag, Friedrich Schiller wurde 35, Ludwig van Beethoven 24 Jahre alt; Wolfgang Amadeus Mozart war bereits drei Jahre tot. Dies alles sei nur angeführt, damit Sie sich eine Bild davon machen können, um welche Zeit es sich handelt.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stieg die Einwohnerzahl im Kirchspiel Edewecht stark an. Besonders betroffen von der Bevölkerungsvermehrung war die Bauerschaft Jeddeloh (heute Jeddeloh 1). Warum sich gerade im Bereich Jeddeloh die Bevölkerung fast explosionsartig vermehrte, wissen wir nicht. ,,Jedenfalls war dieser Zuwachs sicherlich dafür ausschlaggebend, dass sich einige Jeddeloher Einwohner nach einer neuen Siedlungsmöglichkeit umsahen."

Genau genommen beginnt die Geschichte des späteren Ortes Klein Scharre! Anfang September 1793. An diesem Tag reichten zwei Jeddeloher Heuerleute bei der Herzoglichen Kammer in Oldenburg, d.h. der obersten Finanzbehörde des Herzogtums, ein Gesuch ein. „Sie hatten sich zwei Placken Bauland zwischen Jeddeloh und Westerhalt [im Kirchspiel Wardenburg] auf dem Berge Scharre/ in dem wilden Morast, je 10 Jück (1 Jück = 0,56 ha) groß, ausgesucht. Dort wollten sie jeder eine Köterei (Bauernstelle} und eine Schaftrift mit jeweils 75" Zuchtschafen anlegen. ,,Die Schafe benötigten sie, weil sie ohne deren Dünger die Placken nicht gebrauchen konnten und diese ihnen nichts nützten."

Der von der Kammer angeforderte Bericht verzögerte sich, da der zuständige Zwischenahner Amtsvogt „vor Eintreten von Frostwetters ... nicht mit Pferden und Wagen durch den diesen Platz umschließenden wilden Morast gelangen konnte." Die Bittsteller drängten andererseits auf eine baldige Entscheidung, weil einer von ihnen „schon ein neues Gebäude fertig liegen (hatte}, das nur noch aufgerichtet werden musste. Die Materialien konnten aber nur während des Frostes wegen der sumpfigen Gegend an ihren Bestimmungsort transportiert werden." Man muss sich vor Augen halten, dass nur der eigentliche Scharrelsberg als kleine sandige Geestinsel aus dem ihn völlig umschließenden Großen Wildenlohsmoor herausragte und dass es damals noch keine befestigte Straße dorthin gab. Auch heute noch liegt lediglich ein Teil der Ortschaft auf Sand, nur dass das inzwischen längst trockengelegte Moor seinen Schrecken verloren hat.

Nach langwierigen Verhandlungen und einem Ortstermin auf dem Scharrelsberg mit mehreren herzoglichen Beamten Ende März gab die Kammer im Mai 1794 schließlich ihre Zustimmung, dass jeder der inzwischen drei bzw. vier Bittsteller einen Placken mit 6 Jück Sandland und 4 Jück Moorland und die Konzession zur Haltung von 50 Schafen erhielt. Am 29. September 1794 bezog Johann Lübbers aus Jeddeloh sein neuerrichtetes Fachwerkhaus zum Scharre/, einem neuen Dorfe bei Jeddeloh. Das war die „Geburtsstunde" von Klein Scharre!, auch wenn der Ort erst wesentlich später zur Unterscheidung von Scharre! im Saterland diesen Namenszusatz erhielt. Es handelt sich um das längst völlig umgebaute Haus Dorfstraße 67.

Die nächsten Häuser mit zugehörigen Schafkoben wurden in den Folgejahren an dem sogenannten Triftweg (heute Dorfstraße und Schafdamm) erbaut, wobei es sich meist um die Wiederrichtung von Scheuern oder Häusern handelte, die an anderen Orten abgebrochen worden waren. Das war nur bei Fachwerkhäusern möglich. Erst wesentlich später kam die massive Ziegelbauweise auf. Wir befinden uns übrigens hier auf dem drittältesten Hof des Ortes. Das Haus wurde 1799 errichtet und bezogen. Die heutigen Gebäude stammen allerdings erst aus dem 20. Jahrhundert. Im Jahr 1815 hatte das Dorf sechs Häuser und 31 Einwohner. 1994 waren es etwa 800, heute sind es über 1000 Bewohner (genau sogar 1243).

Die weitere Geschichte soll in dieser Feierstunde nicht referiert werden. Bis zum Jubiläumsjahr 1994 kann man alles in der damals erschienenen Ortschronik nachlesen. Allerdings war sie schon wenige Wochen nach ihrem Erscheinen vergriffen. Der Plan, zum jetzigen Jubiläum einen Nachdruck mit einer ergänzenden Beschreibung der letzten 25 Jahre herauszubringen, hat sich leider nicht realisieren lassen.

Ein paar Besonderheiten, die heute meist vergessen sind, darf ich aber doch noch erwähnen:

Von 1900 bis 1970 gab es hier eine Schule auf dem Gelände der jetzigen Bäckerei Jausen. An der heutigen Ecke Eschenstraße/Birkenkamp stand seit 1864 eine Windmühle, die 1896 abbrannte und anschließend am Hunte-Ems-Kanal neu erbaut wurde. In der Mühle und der angeschlossenen Gastwirtschaft trafen sich damals die Bauern der Umgebung. längst verschwunden sind die beiden Gastwirtschaften Mügge und Hempen, und auch der Kaufmannladen von Stadtlander existiert nicht mehr; in seinen Räumen befindet sich seit Jahren der Kiosk.

Man vermisst auch das Micro Hall Art Center der Familie Klaus Groh, das jahrelang viele Kulturbegeisterte von weither an den Heidedamm gelockt hatte.

Das Gemeinschaftsleben unseres Dorfes wird heute vor allem von den Vereinen bestimmt, allen voran der Schützen-, der Sport- und der Ortsverein.

Ich könnte noch stundenlang weitererzählen, aber das will ich Ihnen ersparen. Wir feiern zusammen ein schönes Fest - und dazu wünsche ich Ihnen alles Gute.

 

 

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