Da unter den derzeitigen Umständen eine Gedenkfeier nur in sehr kleinem Rahmen möglich ist, hat Pastor Stephan Bohlen seine Rede für eine Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Ihnen, Herr Pastor, ganz herzlichen Dank dafür.

 

Wie in jedem Jahr wurde auch ein Kranz am Denkmal niedergelegt. Man traf sich dort um 10:15 Uhr. Pastor Bohlen las das Totengedenken und betete mit uns das "Vater unser".

Den Kranz legten Stefanie Schütte für den Schützenverein und Richard Sandmann für den Ortsverein am Fuß des Denkmals nieder.

Um den Toten von Krieg, Gewalt, Vertreibung und Flucht zu gedenken, hat Pastor Bohlen den Text verfasst, der hier im Weiteren zu lesen ist.

Paula Wachtmeester

 

geplante Ansprache an den Ehrenmalen in Jeddeloh II; Edewechterdamm und Klein Scharrel:

 

 

Es ist schon eine Weile her. Damals, als man noch reisen konnte. Mit der Familie waren wir unterwegs. Freunde besuchen. In Amerika. Ostküste. New York City. Da stapften wir nun durch die Stadt, die niemals schläft, und so kamen wir auch zum Sitz der Vereinten Nationen. Ein riesiges Gelände. Das Hochhaus, das man aus den Bildern der Nachrichtensendungen im Fernsehen kennt. Der große Revolver mit dem Knoten im Lauf. Und gegenüber an der Fassade eines Gebäudes war Biblisches zu lesen:

 

 

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen

und ihre Spieße zu Sicheln.

Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben,

und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

 

Ein Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja (2,4).

 

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wehten die Fahnen der Staaten, die zu den Vereinten Nationen gehörten, friedlich im Herbstwind. Und ich bekam eine Gänsehaut.

Die Sehnsucht nach Frieden für diese Welt wurde in mir groß. So standen wir da. Die Kinder an der Hand. Schauten und schwiegen. Frieden. Für die Welt. Für alle Menschen überall auf diesem wunderbaren Stern. Wie schön das wäre... und wie weit der Weg dorthin noch sein mag...

 

Dann liefen wir weiter. „Ground Zero“ stand nun auf dem Besuchsprogramm. Der Ort, an dem bis zum 11. September 2001 die Zwillingstürme des World Trade Centers gestanden hatten. Wir besuchten diesen eindrucksvollen Gedenkort. Schauten die Namen an, die auf den Gedenktafeln an den Rändern der beiden Erinnerungsstätten zu lesen sind, sahen die Blumen bei den Namen derer, die an diesem Tag ihren Geburtstag hätten feiern können. So viel Leid. So viele Tote. Niemals darf das vergessen sein. Und ich spürte mit einem Mal ganz andere Gefühle in mir aufsteigen. Nie wieder dürfte so etwas geschehen. Nie wieder.

 

Die Vision eines Jesaja, die mich knapp drei Stunden zuvor so tief berührt hatte, sie war an den Rand geweht von dem Sturm der Emotionen, die dieser Ort in mir ausgelöst hatte.

 

Zum 75. Mal jährt sich in diesem Jahr das Kriegsende. Schon wie wir es nennen, zeigt, wo wir stehen: „Kapitulation“ oder „Befreiung“. Jesaja oder Ground Zero. Mitunter geht der Riss mitten durch uns hindurch. Durch unsere Seele. Unser Herz.

 

Auch in diesem Jahr haben wir wieder Kränze an den Ehrenmalen niedergelegt, die an die Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft erinnern sollen. Die Mahnmale, sie finden sich in fast jeder unserer Bauerschaften. Oft von lieben Menschen hingebungsvoll gepflegt und in Stand gehalten. Die Namen, die dort verzeichnet sind, erinnern an Menschen aus der eigenen Familie, der Nachbarschaft, dem Dorf.

 

Viele Familien haben Opfer zu beklagen. Doch wer an diesen besonderen Orten in  unserer Gemeinde steht, der sieht noch mehr als nur die Namen, die dort verzeichnet sind. Er sieht die Leben, die nicht gelebt werden durften. Die Zukunft, die in der Vergangenheit endete. Die Hoffnung, die ausgelöscht wurde. Er sieht das Leid, die Angst, das Sterben. Er sieht den Schrecken,  welchen Krieg und Gewaltherrschaft, Vorurteile, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, Antisemitismus und Rassenwahn, Ungerechtigkeit und extreme Ideologien, Menschenverachtung und Extremismus mit sich bringen. Todsicher. Und er mag den Samen erkennen, aus dem diese Todesblumen erwachsen können. Diese Gefühle, die einen von sich selbst fortzuwehen im Stande sind. Diesen Riss, der durch unser Herz gehen kann. Wo wir aber wie ein Blatt im Wind zu werden drohen, da mögen wir im Gewirbel mit den vielen anderen, die sich auch mit forttragen lassen, weit kommen. Aber werden wir auch dort sein, wohin wir wollen? Was wird dieser Sturm anrichten, dem wir uns hingeben und den wir durch unser Mitgehen noch verstärken? Und die anderen mit uns? Immer mehr und immer weiter? Was wird dieser Sturm alles mitreißen, umwehen, zerstören?

 

Wo wir uns den Gefühlen hingeben, die in uns aufsteigen; wo wir den Gedanken nachspüren, die uns kommen wenn wir Meldungen wie nun jüngst aus Wien hören, da beginnt der dunkle Same des Todes aufzugehen . Da heilt  unser Herz nicht, sondern erkaltet. Da werden wir Teil der Todesmacht, die alles mit sich reißen will. Da sind wir schon tot.

 

Volkstrauertag aber will uns den Blick für das Leben öffnen. Für das Licht und die Möglichkeiten, die da sind. Will uns einladen zu Gespräch und Austausch. Auch zum Streit über den richtigen Weg und das Ziel, wohin es gehen soll. Miteinander. Und mit allen. In gleicher Weise. In gleicher Würde und Verantwortung. Frei und gleich. Egal, woher wir kommen, egal, welche Sprache wir sprechen oder welchen Gott wir anbeten oder für welche Überzeugung wir eintreten. Egal, welchen Geschlechtes wir sind oder welches Geschlecht wir lieben. Egal, ob gebildet oder nicht, ob arm oder reich. Volkstrauertag will uns die Augen dafür öffnen, dass wir alle Menschen sind. Dass wir aufeinander angewiesen und aneinandergewiesen sind. Dass es unsere gemeinsame Aufgabe ist, friedlich gemeinsam so auf diesem schönen Stern zu leben, dass alle Respekt und Würde genießen und den Raum haben, den sie brauchen. Als Menschen. Miteinander und Füreinander - in gegenseitigem Respekt.

 

Nicht Hass und Vergeltung soll unser Sein bestimmen, sondern die Arbeit für den Frieden. Für Ausgleich. Für Gerechtigkeit. Für ein Miteinander auf Augen- und auf Herzenshöhe.

 

Das fängt im Kleinen an. Bei mir selbst. Indem ich erkenne, woher der Wind weht, der nach mir greift. Indem ich den anderen sehe in dem, was ihn betrifft. Mit seiner Geschichte, in seinen Sorgen und Ängsten, mit seinen Verletzungen. Und indem ich teile: Aufmerksamkeit und Zeit, aber auch Wohlstand und Sicherheit.

 

Der Weg zum Frieden ist nicht einfach. Aber jedes Gedenken an einem Volkstrauertag kann ein Schritt auf diesem Wege sein. Darum bleibt dieser Tag wichtig und wird an Bedeutung in einer immer kleiner werdenden Welt noch zunehmen -

als ein Tag, der uns mahnt, standhaft zu bleiben in den Stürmen, die nach uns greifen. Standhaft zu bleiben als Mensch unter Menschen. Und getrost und zuversichtlich daran weiter zu arbeiten, wovon ein Mensch vor knapp 3000 Jahren schon geträumt hat:

 

Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen

und ihre Spieße zu Sicheln.

Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben,

und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.

 

Stephan Bohlen

Pastor im Pfarrbezirk II

der Ev.-luth. Kirchengemeinde

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